Die Geopolitik der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki

Die dramatischen humanitären Konsequenzen der Atombombenabwürfe der USA auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren sind oft erörtert worden. Die offizielle Erzählung der USA ist, dass sie zur Beendigung des Weltkrieges in Asien unerlässlich gewesen wären. Historische Forschung stellt diese Darstellung allerdings immer mehr in Frage.

Ein aktueller Kommentar von Heinz Gärtner

Die Abwürfe verhinderten den Einmarsch der Sowjetunion

Im Juli 1945 testeten die USA im Bundesstaat New Mexico die erste Atombombe. Am 6. und am 9. August folgten die Abwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Der Zweite Weltkrieg wurde damit in Asien beendet. Die bedingungslose Kapitulation Japans folgte am 14. August. Die USA hatte somit eine geplante Invasion der japanischen Hauptinseln, die für den 1. November 1945 unter dem Codenamen „Operation Downfall“ geplant war, vermieden. Das Unternehmen hätte nach Annahmen der US-Army zwischen 25 000 und einer Viertelmillion amerikanischer Soldaten das Leben gekostet. Zudem wären nach Schätzungen bis zu 300 000 weitere Tote auf amerikanischer Seite zu erwarten gewesen. Dennoch ist der tatsächliche militärische Wert der Atombombenabwürfe zur Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Asien bis heute umstritten.

Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass Japan kapitulierte, weil die Sowjetunion den mit Japan 1941 geschlossenen Neutralitätspakt aufkündigte und am 8. August 1945 – zwischen den beiden Abwürfen am 6. und am 9. August – in den Krieg gegen Japan eintrat. Truman hatte angenommen, dass die Sowjetunion Mitte August einmarschieren würde. In sein Tagebuch schrieb er am 17. Juli: Stalin und die Sowjetunion „werden am 17. August im Jap-Krieg sein. Das ist das Ende der Japs, wenn das passiert“. Truman dürfte angenommen haben, dass der Krieg lange vor einer US-Invasion beendet werden könnte. Es ist nicht eindeutig, ob er dabei ausschließlich an die sowjetische Invasion oder auch schon an die Atombombe dachte. Am 24. Juli wurde dem Luftwaffengeneral Spaatz der Befehl gegeben, den Abwurf der Bombe für „bald nach dem 3. August“ vorzubereiten. Truman nahm die Entscheidung auf sich. Er schrieb in seinen Memoiren Years of Decision (S 419): „Ich betrachtete die Bombe als eine militärische Waffe und ich hatte niemals irgendwelche Zweifel, dass sie verwendet werden sollte. Die militärischen Spitzenberater des Präsidenten empfahlen ihre Verwendung, und als ich mit (dem britischen Premierminister) Churchill darüber sprach, sagte er ohne Zögern, dass er die Verwendung der Atombombe befürwortete, wenn sie den Krieg beenden würde.“

Die USA befürchteten die Teilung Japans

Die Atombomben waren damit auch der Beginn des Konfliktes der USA mit der Sowjetunion. Auf Anregung des japanischen Kaisers im Mai 1945 hatte Stalin vorgeschlagen, dass Japan von

den USA und der Sowjetunion gemeinsam verwaltet werden sollte. Ein enges Vorgehen der USA mit der Sowjetunion hatte auch der US-Botschafter in Moskau, Harry Hopkins, angeregt, was allerdings in Washington ignoriert wurde. Die Atombombenabwürfe verhinderten die Umsetzung des Planes. Die USA hatten Befürchtungen, dass die Sowjetunion Gebietsansprüche geltend machen könnte. Das hätte zu einer Teilung wie in Deutschland und dann Korea führen können. Man darf nicht vergessen, dass sich die USA und die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt an der Schwelle zum beginnenden Kalten Krieg befanden. Die Entscheidung über den Abwurf war offenbar schon Mitte Juli gefallen, sodass die Ereignisse Anfang August darauf keinen Einfluss mehr hatten. Am 26. Juli 1945 forderte Truman im Rahmen der Potsdamer Erklärung Japan zur sofortigen und bedingungslosen Kapitulation auf, was die Sowjetunion überraschte, bereitete sie doch gerade erst den Kriegseintritt für den 8. August vor, den sie noch US-Präsident Roosevelt auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 zugesagt hatte. Stalin wollte aber auf seinen territorialen Anteil Japans nicht ganz verzichten. Er verlangte am 16. August von Truman die Übergabe der Kurilen-Inseln und den nördlichen Teil der Insel Hokkaido an die sowjetischen Truppen. Truman antwortete, dass alle zu Japan gehörenden Inseln Hokkaido, Honshu, Shikoku und Kyushu General MacArthur zu übergeben seien. Die Kurilen-Inseln hingegen könnten dem Kommando der sowjetischen Streitkräfte unterstellt werden.

Die Atombomben markierten den Beginn des Kalten Krieges …

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 durch Roosevelts Nachfolger Harry Truman wurden von Stalin als Machtdemonstration gegen die Sowjetunion und als Erpressungsversuch gewertet, erfolgten sie doch noch bevor sie den vereinbarten Krieg gegen Japan überhaupt aufnehmen hatten können. Sie waren unmittelbar nach der Konferenz von Potsdam erfolgt, die die politische Neuordnung und Entmilitarisierung Deutschlands regelte, ohne dass Stalin bei dieser Gelegenheit davon informiert worden wäre. Dennoch versuchte dieser aufgrund der bestehenden wirtschaftlichen und militärischen Schwäche der Sowjetunion Zeit zu gewinnen, um die Anti-Hitler-Koalition irgendwie zu verlängern. In einem Interview mit Elliot Roosevelt erklärte er, dass sich die Beziehungen zu den USA nach dem Tode Roosevelts nicht verschlechtert, sondern sogar verbessert hätten. Entsprechend nahm Stalin auch gerne das Angebot an, Gründungsmitglied der Vereinten Nationen zu werden, weil er damit im Sicherheitsrat ein Vetorecht erhielt. Dennoch mied er die Mitgliedschaft im IWF und der Weltbank, weil er damit in das kapitalistische Weltsystem eingebunden worden wäre, was seine kommunistische Herrschaft selbst gefährdet hätte.

Die Abwürfe der Atombomben auf japanische Städte dienten nicht nur der Beendigung des Zweiten Weltkrieges in Asien sondern markierten auch den Beginn des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion. Sie sollten nicht nur auf das Kaiserreich, sondern auch auf die Sowjetunion psychologischen Eindruck machen. Man erhoffte sich einen anhaltenden, einschüchternden Effekt. Die Sowjetunion betrachtete die Abwürfe in der Tat auch als gegen sich gerichtete Aktion und begann selbst an der Entwicklung nuklearer Waffen zu arbeiten. Nach intensiven Bemühungen führte die Sowjetunion bereits vier Jahre später im August 1949 ihren ersten erfolgreichen Atomtest durch. Die atomare Aufholjagd der Russen führte auf amerikanischer Seite schließlich zur Entscheidung, eine Wasserstoffbombe (Fusionsbombe) zu entwickeln, die eine vielfach höhere Sprengkraft aufweisen kann als Bomben, die auf dem Prinzip der Kernspaltung beruhen (Fissionsbombe). 1952 zündeten die USA die erste derartige Bombe (Operation Ivy) mit einer Sprengkraft von mehreren hundert Hiroshima-Bomben. Stalin dürfte allerdings die politische Bedeutung der Nuklearbombe nicht hoch eingeschätzt haben. Er

betrachtete sie offenbar eher als „etwas, womit man Leute mit schwachen Nerven in Schrecken versetzen kann“. Dennoch zog die Sowjetunion bereits ein Jahr nach Operation Ivy mit einem Test einer eigenen Wasserstoffbombe (RMS-6) mit den USA gleich.

… und des nuklearen Wettrüstens

Präsident Eisenhowers Initiative „Atoms for Peace“ von 1953, mit der er in einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen die friedliche Nutzung der Atomenergie hervorhob und die Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde vorschlug, stand in gewissem Widerspruch zu seinem Bestreben, die USA militärisch unverwundbar zu machen. Dasselbe gilt ebenso für seine Warnung vor einem „militärisch-industriellen Komplex“, der unglücklichen Verflechtung von Militär und Rüstungsindustrie. Ganz ähnlich verhielt es sich mit Eisenhowers Auffassung, dass die USA nicht jedes Mal auf Chruschtschows provokative Aktionen überreagieren sollte. Dennoch baute er gleichzeitig die Abschreckungskapazität der USA wesentlich aus und entdeckte 1954 eine „Bomberlücke“, die es, wie sich später herausstellte, nie gab. Der bipolaren Struktur des Kalten Krieges entsprach im militärischen Bereich die Abschreckungspolitik der beiden Weltmächte. Sie beruhte auf dem Prinzip der Gegendrohung. Die andere Seite sollte davon abgehalten werden, der eigenen Existenz einen als unannehmbar erachteten Schaden zuzufügen, indem man ihr ebenfalls einen derartigen Schaden androhte. Man ging davon aus, dass dieses Abschreckungssystem den Frieden erhalten würde. Die Kausalität zwischen nuklearer Abschreckung und der Erhaltung des Friedens bleibt allerdings eine Annahme, da man empirisch nicht beweisen kann, warum sich Kriege nicht ereignet haben. Der Status quo war in Europa ohnehin festgeschrieben. Man nannte die Strategie der „gegenseitigen vollständigen Vernichtung“ auch „Mutual Assured Destruction“ (MAD) oder auch „Gleichgewicht des Schreckens“. Sie sollte den potentiellen Feind überzeugen, bestimmte Aktionen in seinem eigenen Interesse zu vermeiden. Da das Konzept die Vernichtung des Feindes durch einen einzigen Angriff impliziert, führte die Abschreckungsstrategie während des Ost-West-Konfliktes zu einem nuklearen Aufrüstungsprozess, dessen Umfang letztlich eine 40- fache Zerstörung der Welt ermöglicht hätte. Um diese zu vermeiden, wäre eine vollständige nukleare Abrüstung notwendig.

Univ. Prof. Dr. Heinz Gärtner ist Lektor an den Universitäten Wien und Krems sowie Vorsitzender des Beirates des International Institute for Peace (IIP) sowie des Beirates Strategie und Sicherheitspolitik der Wissenschaftskommission des Österreichischen Bundesheeres. Er hatte zahlreiche internationale Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren. Er publizierte zahlreiche Bücher und Artikel zu Fragen der USA, internationaler Sicherheit, Abrüstung und Rüstungskontrolle. U. a. ist er Autor des Buches „Der Kalte Krieg“, marixwissen, 2017. Er ist auch Redaktionsmitglied von INTERNATIONAL.
E-Mail: Heinz.Gaertner@univie.ac.at

Veröffentlicht in Ausgabe III/2020