Newsletter 83/2019 Beirut Spezial 1

Die Rebellion der libanesischen Jugend – Berichte aus erster Hand

Mit unserem heutigen Newsletter präsentieren wir den Bericht der jungen österreichischen Juristin Carina Radler, welche seit Beginn dieses Semesters an der American University Beirut studiert. Sie ist unmittelbare Zeitzeugin der seit einer Woche andauernden Rebellion der libanesischen Jugend gegen die ineffizienten und korrupten Strukturen des politischen Systems im Libanon. Das Besondere an dieser Rebellion ist die Tatsache, dass sie sich den in Libanon üblichen religiösen und ethnischen Zuordnungen entzieht, ja sogar gegen diese protestiert. Verkürzt und vereinfacht kann man diesen Protest, wie ähnliche derzeit in Algerien und auch Sudan aktive Protestbewegungen, als Aufstand gegen althergebrachte Strukturen im Nahen Osten bezeichnen, welche eine fortschrittliche Entwicklung der Gesellschaft blockieren. Es ist der Schrei nach fairen und gleichen sozioökonomischen Entwicklungschancen aber auch nach Demokratie und Freiheit.

Carina wird diese kurzen und persönlichen Berichte von nun an regelmäßig senden. Wir werden diese auch auf unser Webseite und Facebookseite stellen und hoffen, damit einen kleinen Beitrag zu einer fairen und wahrheitsgetreuen Information über diese äußerst wichtigen sowie bemerkens- und unterstützenswerten Entwicklungen zu leisten.

Fritz Edlinger
Herausgeber

Sechster Tag der Proteste im Libanon, Märtyrerplatz: „The Need to Gain Momentum“

Nach der Verkündung von Premierminister Rafik Hariri‘s wirtschaftlichen Reformen am Montag sind die Menschen auf den Straßen Beiruts überzeugt, nicht loszulassen. „Hariri‘s Rede ist eine komplette Lüge. Seine Reformen sind nicht durchführbar, das sind populistische Ausreden. Wir müssen mit solchen populistischen Kundgebungen sehr vorsichtig sein. Es handelt sich dabei um ein weltweites Phänomen, der Libanon ist dabei keine Ausnahme. Jemand, der jahrelang nur gelogen hat, kann zu diesem kritischen Zeitpunkt nicht mit solchen Reformen aufwarten. Wir brauchen eine Übergangsregierung, die uns in dieser finanziellen Notsituation hilft“, so eine Aktivistin der 2015 gegründeten Partei „Citizens in a State“ (mouwatinoun wa mouwatinat fi dawla).

Der Märtyrerplatz scheint sich von Tag zu Tag zu verändern. Was besonders am Wochenende (abwartend auf den Ausgang der 72­Stunden­Frist Hariris) einem Festivalgelände mit lauter Musik und guter Laune geglichen hat, zeigt sich mittlerweile als ein Platz mit „befestigteren“ Einrichtungen: die Menschen haben Zelte aufgebaut, einige schlafen sogar dort. Daneben gibt es aber auch Stände, wo eifrig politisch diskutiert wird. Ein Aspekt, der aber von vielen kritisch gesehen wird, sind die andauernden Partys. Wird man von Politikern ernst genommen, wenn man sich friedlich versammelt und auf Gewalt verzichtet, tanzt, und dennoch protestiert?

Das Zusammentreffen der Menschen in Downtown vergangenen Donnerstag Abend geschieht als Antwort auf neu verkündete Steuern. Emilio Matar, ein junger Libanese, meint dazu, es handelt sich um ein ganz spontanes Zusammenkommen der Leute. „Die Menschen haben genug davon, wie die wirtschaftliche Lage im Land ist. Wir bleiben so lange, bis die gesamte Regierung abtritt. Erstmals sind alle Menschen quer aus allen Religionen und Bevölkerungsschichten vereint. Das System ist zum Stillstand gekommen, der Motor scheint wie stecken geblieben. Die neuen Reformen würden nur Symptome bekämpfen, nicht aber die Ursachen.“

(Mag. Carina Radler, Graduate Studies in Public Policy and International Affairs an der American University of Beirut)

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